Anfänge wissenschaftlichen Fragens und erkenntnistheoretische Motive der Einzelwissenschaften

Teilprojekt a: Anfänge wissenschaftlichen Fragens: Geschichte und Wirkung vorsokratischer Naturphilosophie

Dieses Projekt behandelt ausgewählte Begriffe und Problemstellungen, die am Beginn der abendländischen philosophischen Tradition stehen und in der Folge prägend wurden für diverse geistesgeschichtliche Entwicklungen. Es werden jeweils historisch-systematische Verbindungen aufgezeigt zwischen den Ansätzen einzelner Vorsokratiker und zentralen Auseinandersetzungen neuzeitlicher Philosophie und Naturforschung.

Als erste allgemeine Vorarbeit wurde der antike physis-Begriff behandelt und seine Bedeutung für gegenwärtige Ansätze zu einer Naturphilosophie untersucht. Dabei ging es vor allem um Fragen eines dynamischen Naturverständnisses und um die Eingebundenheit des Menschen in seine natürliche Umgebung. (In diesem Zusammenhang sei auch auf den Einführungsband "Philosophie der Physik" verwiesen, der 2014 in der Reihe C.H. Beck Wissen erschienen ist. In ihm wird insbesondere auf antike Materievorstellungen eingegangen und auf die physikalischen Erklärungsstrategien, die sich damit entwickelten.)

Einen wichtigen Schwerpunkt dieses Forschungsprojekts bildet der Begriff des apeiron bei Anaximander. Auf Grundlage der Wortverwendungsgeschichte wird das apeiron hier als etwas räumlich bzw. zahlenmässig Unerschöpfliches verstanden. Diese Interpretation wird gestützt durch die Betrachtung der ersten antiken Weltkarte, die auf Anaximander zurückgeht. Ausserdem wird untersucht und beschrieben, inwiefern dieses Verständnis von apeiron einen wichtigen Schritt bedeutet auf dem Weg zur theoretischen Begriffsbildung und zur Einführung theoretischer Gegenstände in der Naturphilosophie und -wissenschaft. Gleichzeitig werden allzu grobschlächtige und vereinfachende Vergleiche mit modernen Begriffen des Unendlichen und des Unbeschränkten abgelehnt.

Weitere Aufsätze befinden sich momentan in Bearbeitung. Einer von ihnen beschäftigt sich mit der Dichtung als besonderer Form der Sicherung und Vermittlung nicht-diskursiven naturphilosophischen Wissens von der Antike bis ins neunzehnte Jahrhundert. Eine weitere Studie wird das Aufkommen eines historischen Zeitbewusstseins und der Geschichtsschreibung im archaischen Griechenland behandeln. Mit dieser Thematik ergeben sich zugleich Querverbindungen zu einigen Aspekten der Monographie zur "Philosophie der Zeit", die 2018 in der Reihe C.H. Beck Wissen erschienen ist.

Publikationen zum Thema:

  • N. Sieroka (2019): Anaximander's ἄπειρον: From the Life-world to the Cosmic Event Horizon. Ancient Philosophy 39 (1), pp. 1-22.
  • N. Sieroka (2018): Relevanz und Vielstimmigkeit der gegenwärtigen Naturphilosophie. Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 43 (1), pp. 95-100.
  • N. Sieroka (2017): The Bounds of Experience—Encountering Anaximander's In(de)finite. Ancient Philosophy 37 (2), pp. 243-263.
  • N. Sieroka (2014): Philosophie der Physik (series: C.H. Beck Wissen). Beck Verlag, München.
    Rezensionen in: Spektrum der Wissenschaft (Heft 2, 2015), Sterne und Weltraum (Heft 6, 2015) Physik-Journal (14(2), 2015), VSMP Bulletin (127, 2015), Bunsenmagazin (17(6), 2015), Physik in unserer Zeit (46(6), 2015).
  • N. Sieroka (2013): Die "Eigenwüchsigkeit" der Natur: Über ein dynamisches Naturverständnis und unser Verhältnis zur Natur. Archithese 6.2013, pp. 26-31.

Teilprojekt b: Angewandte Philosophie künstlicher Intelligenz: KI in der Arzneimittelentwicklung

Methoden der künstlichen Intelligenz (KI) werden zunehmend in der Arzneimittelforschung eingesetzt. Während einige Protagonisten auf enorme Möglichkeiten verweisen, die solche Methoden bieten könnten, bleiben andere skeptisch und warten darauf, dass sich in Projekten zur Wirkstoffforschung deutliche Auswirkungen zeigen. Die Realität liegt wahrscheinlich irgendwo zwischen diesen Extremen, aber es ist klar, dass die KI nicht nur für die beteiligten Wissenschaftler, sondern auch für die Biopharma-Industrie und ihre etablierten Verfahren zur Entdeckung und Entwicklung neuer Medikamente neue Herausforderungen bietet. In diesem Projekt arbeitet eine interdisziplinäre Gruppe von Wissenschaftlern und Forschern aus Hochschule und Industrie zu den "großen Herausforderungen" bei der Entdeckung von niedermolekularen Wirkstoffen mit AI und den Ansätzen zu deren Bewältigung. Aus dieser Zusammenarbeit resultiert folgender Perspektiven-Aufsatz: Rethinking drug design in the artificial intelligence era (Nature Reviews Drug Discovery)


Teilprojekt c: Entwicklung und Einheit der Physik: Erkenntnistheoretische Motive und ihr historischer Wandel (abgeschlossen)

Dieses Buchprojekt widmet sich der Frage, wie Physik erkenntnistheoretisch "funktioniert": Was gilt eigentlich als gute Erklärung in der Physik, wie hängen verschiedene Erklärungen (Modelle, Theorien) zusammen, und wie hat sich das gegebenenfalls historisch gewandelt?

Der erste – historische – Teil des Buches behandelt wichtige Stationen in der Entwicklung der Physik vor dem Hintergrund von drei Epochenschwerpunkten. Im Kapitel zur Antike geht es u.a. um den Ursprung des Begriffs "Physik" sowie um erste Ansätze zu einem "Elementarismus" der materiellen Wirklichkeit. Das Kapitel zur Frühen Neuzeit behandelt vor allem Aspekte der fortschreitenden Mathematisierung, und das Kapitel zum 19./20. Jahrhundert widmet sich insbesondere dem Aufkommen der Feldtheorie und Quantenphysik und einem daraus resultierenden Verlust der Anschaulichkeit der Physik.

Der zweite – systematische – Teil reflektiert die Veränderungen in der Rolle und Relevanz, die Experimenten und Vorhersagen in der Physik zukommt bzw. zugekommen ist. Ausführlich behandelt wird der Wandel, der in der physikalischen Begriffs- und Theoriebildung seit der Antike stattgefunden hat. Das schliesst Fragen nach dem Kausalitäts- und Objektivitätsbegriff ein wie auch nach den Übergängen (Reduktionen) von Theorien und nach der Einheit der Physik. Weiterhin werden allgemeine Erkenntnisstrategien diskutiert, die sich im Wesentlichen konstant durch die Geschichte der Physik ziehen. Dies sind zum einen die Suche nach letzten Materiebausteinen (mereologische Strategie), die Suche nach "Verursachern" in Form v.a. von Kräften (explanatorische Strategie), sowie die Suche nach einem einheitlichen, in der Regel mathematischen, Darstellungszusammenhang (holistische Strategie). Eine besondere Stellung kommt hierbei Symmetrieprinzipien zu, die Verbindungen und Übergänge zwischen diesen Strategien ermöglichen.

Im Unterschied zu anderen Einführungen stehen also nicht so sehr innerphilosophische Fragestellungen im Vordergrund wie etwa nach dem ontologischen Status der Raumzeit, nach Gesetzesrealismus versus –nominalismus o.ä. Auch geht es nicht um die populäre Darstellung moderner physikalischer Theorien. Stattdessen wird ein breiter Einblick in unterschiedliche Bereiche der Physik gegeben, bei dem, basierend auf den Kontinuitäten und Entwicklungen der allgemeinen Theoriebildung und Erkenntnisstrategien, die methodische Einheit der Physik im Mittelpunkt steht.

Publikationen zum Thema:

  • N. Sieroka (2014): Philosophie der Physik (series: C.H. Beck Wissen). Beck Verlag, München.
    Rezensionen in: Spektrum der Wissenschaft (Heft 2, 2015), Sterne und Weltraum (Heft 6, 2015) Physik-Journal (14(2), 2015), VSMP Bulletin (127, 2015), Bunsenmagazin (17(6), 2015), Physik in unserer Zeit (46(6), 2015). (6), 2015, p. III

Teilprojekt d: Geschichte des Materiebegriffs und historisch-relatives Apriori in der Physik (abgeschlossen)

Dieses Projekt behandelt historisch-systematische Verbindungen von gegenwärtigen Ansätzen aus der Physik mit einzelnen naturphilosophischen Ansätzen aus der frühen Neuzeit und der klassischen deutschen Philosophie. Den Hauptgegenstand der Untersuchung bilden der Materie- und der Feldbegriff.

Für die Epoche der frühen Neuzeit werden aktuelle feldmetaphysische Interpretationen von Spinozas Ethik kritisch eingeordnet und auf die Verbindungen hin untersucht, die diese mit der innerphysikalischen Suche nach einer vereinheitlichten Feldtheorie zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben. Ausgehend von Leibniz' Physik (Dynamik) und daran anknüpfenden Arbeiten von Weyl wird ausserdem die Bedeutung und Entwicklung des modernen Holographie-Begriffs für eine Theorie der Quantengravitation diskutiert.

Für die Epoche der klassischen deutschen Philosophie werden vergleichende Studien zum Raum-, Zeit-, Materie- und Kausalitätsbegriffs bei Kant, Fichte und Schelling angestellt. Neben dem Anschluss an die gegenwärtige Physik geht es hier um die philosophische Rezeption dieser Autoren im vergangenen Jahrhundert – insbesondere bei Peirce, Whitehead, Cassirer, Weyl, von Weizsäcker und Friedman.

Insgesamt arbeitet das Projekt auf eine Form historischer Dialektik hin, die – statt Letztbegründungsansprüche zu erheben – sich am Begriff eines "historisch relativen Apriori" (Friedman) orientiert und den zeitlichen Wandel der theoretischen und formalen Voraussetzungen von Ansätzen in der Physik untersucht. Beim Materiebegriff zeigt sich eine solche Dialektik als das geschichtliche Hin-und-Her zwischen den Versuchen, Materie ganz in die Raumzeit bzw. deren Geometrie aufzulösen, und den Versuchen, sie als einen "Agenten" zu begreifen, der Wirkungen in der Raumzeit hervorruft.

Publikationen zum Thema:

  • N. Sieroka (2019): Neighbourhoods and Intersubjectivity: Analogies between Weyl's Analyses of the Continuum and Transcendental-Phenomenological Theories of Subjectivity. In: Weyl and the Problem of Space: From Science to Philosophy (Studies in History and Philosophy of Science), ed. by J. Bernard and C. Lobo. Springer-Verlag, Dordrecht 2019, S. 99-122.
  • N. Sieroka (2018): Theoretical Construction in Physics. Studies in History and Philosophy of Modern Physics Physics 61, pp. 6-17.
  • N. Sieroka (2017): Schellingsches Natur- und Materieverständnis im und um das 20. Jahrhundert. In: Fichte und Schelling: Der Idealismus in der Diskussion, Bd.III (Acta des Brüsseler Kongresses 2009 der Internationalen J.G. Fichte-Gesellschaft), ed. by T. Grohmann, L. Held and J.-C. Lemaitre. EuroPhilosophie Éditions. Online available
  • N. Sieroka (2016): Retrospective Analogies: Means for Understanding Leibniz's Metaphysics. In: "Für unser Glück oder das Glück der Anderen" (Vorträge des X. Internationalen Leibniz-Kongresses), ed. by W. Li. Olms, Hildesheim 2016, Band IV, S. 285-299.
  • N. Sieroka (2015): Transzendentale Naturlehre im Zeitalter von Relativitätstheorie und Quantenmechanik: Neuinterpretationen von Raum, Zeit und Kausalität durch Cassirer, Medicus und Weyl. In: "Natur" in der Transzendentalphilosophie, ed. by H. Girndt. Duncker & Humblot, Berlin, pp. 431-446.
  • N. Sieroka (2015): Some Remarks on the Historical Origin and Current Prospects of Holography. In: Proceedings of the Thirteenth Marcel Grossmann Meeting on General Relativity, ed. by R.T. Jantzen, K. Rosquist und R. Ruffini. World Scientific, Singapur, pp. 2242-2244.
  • N. Sieroka, E.W. Mielke (2014): Holography as a Principle in Quantum Gravity? – Some Historical and Systematic Observations. Studies in History and Philosophy of Modern Physics 46, pp. 170-178.
  • N. Sieroka (2013): A Post-Kantian Approach to the Constitution of Matter. In: Objectivity after Kant: Its Meaning, Its Limitations, Its Fateful Omissions, ed. by G. Van de Vijer and B. Demarest. Olms, Hildesheim, pp. 41-55.
  • N. Sieroka (2010): Geometrization Versus Transcendent Matter: A Systematic Historiography of Theories of Matter. British Journal for the Philosophy of Science 61 (4), pp. 769-802.
  • N. Sieroka (2010): Umgebungen – Symbolischer Konstruktivismus im Anschluss an Hermann Weyl und Fritz Medicus. Chronos-Verlag, Zürich 2010.
    Rezensionen in: Studies in History and Philosophy of Science (44(1), 2013, P. Pesic), HOPOS (3(1), 2013, T. Ryckman)
  • N. Sieroka (2010): Spinozistische Feldmetaphysik und physikalisches Materieverständnis. Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 35 (2), pp. 105-122.
  • N. Sieroka (2009): Tobias Cheung, Res Vivens – Agentenmodelle organischer Ordnung 1600-1800 (Book Review). History and Philosophy of the Life Sciences 31 (3-4), pp. 477-478.