Zeit

Teilprojekt a: Zeit – Perspektiven auf eine grundlegende Dimension unserer Welt

Zeit ist eine fundamentale Dimension, in der wir uns sowohl als biologisch-physikalische wie auch als geistige Wesen bewegen. Dabei tritt Zeit in unterschiedlichen Erscheinungsformen auf: unter anderem als physikalische Zeit, als wahrgenommene Zeit, als gesellschaftlich-intersubjektive Zeit und als historische Zeit. Dementsprechend war und ist das Thema Zeit immer wieder der Gegenstand von grundlegenden Diskussionen in unterschiedlichen philosophischen Teildisziplinen – von der Metaphysik über die Wissenschaftsphilosophie und die Philosophie des Geistes bis hin zur Philosophiegeschichtsschreibung und zur Ethik. Vergleichsweise wenig behandelt werden allerdings die Verbindungen und Gemeinsamkeiten dieser Diskussionen. Dieses Projekt soll diese Lücke teilweise schliessen und aufzeigen, inwiefern bestimmte zeittheoretische Überzeugungen und Annahmen aus der einen Teildisziplin (oder der einen philosophischen Tradition) Konsequenzen haben für Annahmen in anderen Teilbereichen der Philosophie. Dadurch entwickelt das Projekt eine eigene vielperspektivische Sichtweise auf das Thema Zeit, ohne vorschnell einem philosophischen Reduktionismus zum Opfer zu fallen.

Eine der konkreten Fragestellungen, die im Zuge dieses Projekts behandelt werden, betrifft das Verhältnis von Zeit und Leid. Beides wurde und wird oft eng verknüpft gedacht: historisch mag man beispielsweise an Platon, Böhme und Spinoza denken; mit Blick auf die gegenwärtige Philosophie etwa an so unterschiedliche Traditionen wie die Phänomenologie und die analytische Philosophie. Immer wieder wird hier behauptet, das Empfinden von Leid setze eine bestimmte Form des Bewusstseins von und für Vergangenes und Zukünftiges voraus. Und genau an dieser Stelle nun, die sich im Grenzbereich von metaphysischen, geistphilosophischen und normativen Fragenstellungen bewegt, lassen sich die Ansätze aus diesen unterschiedlichen Traditionen fruchtbar aufeinander beziehen und wechselseitig ergänzen.

Diese Untersuchungen erlauben weiterhin eine Unterscheidung zwischen variablen und invarianten Aspekten unserer Zeitvorstellung. Diese Unterscheidung zeigt zugleich mögliche Ansatzpunkte für einen philosophischen Revisionismus auf. Insbesondere Leidvermeidung, so die Vermutung, ist nur möglich über eine Revision unserer Zeitvorstellung – und eine solche Revision kann offensichtlich nur im Hinblick auf die variablen Aspekte dieser Vorstellung erfolgen. Ein besonders einfacher Fall solch eines variablen Aspekts sind gegenwärtige metaphorische Redeweisen, die Zeit als eine materielle Substanz oder ökonomische Ressource betrachten und in irreführender Weise von "Zeitersparnis", "Zeitkosten", "Zeitdruck", "Zeitmangel" und ähnlichem sprechen.

Interviews und Publikationen zum Thema: 

  • N. Sieroka (2019): Verloren, vertrieben, gewonnen, genossen – wie die Zeit unser Leben taktet.
    (Interview für Deutschlandfunk Kultur, 21.09.2019)
  • N. Sieroka (2019): Zeitreisen. Kurz-Interview für Radio Zürisee, 28.08.2019.
  • N. Sieroka (2019): Ein feines Gehör für Zeitreisen oder wie die Zeiten wirklich ticken. Bericht und Interview in: ETH News, 22.08.2019.
  • N. Sieroka (2019): Zeitreisen werden ein Traum bleiben. Interview in: Tagblatt der Stadt Zürich, 21.08.2019, S. 9.
  • N. Sieroka (2019): Und immer wieder spukt die Zeit. Interview für ETH Globe, 2/2019, S. 25-27.
  • N. Sieroka (2019). Zeit in der Physik und der Philosophie. Podcast Gesprächszeit, Hochschule für Gestaltung, Schwäbisch Gmünd (Alissa Beer / Dominikus Frank).
  • N. Sieroka (2019): Tickt die Zeit noch richtig? Interview in: Top Leader (Journal für Führungskräfte, Österreich), Jahrbuch 2019, S. 274-278.
  • N. Sieroka (2018): Das ewige Jetzt. Interview für Medicojournal (Kulturmagazin für Ärzte, Schweiz), November 2018.
  • N. Sieroka (2018): Philosophie der Zeit. Grundlagen und Perspektiven (Reihe C.H. Beck Wissen). Beck-Verlag, München 2018.
    Rezensionen: Neue Zürcher Zeitung (18. Dezember 2018), Philosophie Magazin (Heft 6, 2018).
  • N. Sieroka (2018): Immer schneller? – Die Zeit. Interview-Sendung Das Philosophische Radio, Westdeutscher Rundfunk (WDR5), 28.09.2018.
  • N. Sieroka (2018): "Man kann keine Zeit verlieren": Der Philosoph und Physiker Norman Sieroka über die Zeit und den Umgang mit ihr. Interview in: Doppelpunkt (Kulturmagazin, Schweiz), 43/2018, S. 18-21.
  • N. Sieroka (2018): Zeit-Gedanken. Interview für enorm (Businessmagazin), 3/2018, S. 58-65 (64).
  • N. Sieroka (2018): Der Zeit auf der Spur. Interview in: Ladies Drive (Businessmagazin), Nr.42, 2018, S. 18-20.
  • N. Sieroka (2017/2018): Ganz Ohr – Echtes Zuhören kann die Welt verändern. Interview für ein Radioessay zum Thema Hören und Zeit von Doris Weber, Bayerischer Rundfunk/Saarländischer Rundfunk, 26.12.2017 bzw. 27.01.2018.
  • N. Sieroka (2017): Time and Suffering: False Metaphors, (De)synchronous Times, and Internal Dynamics. In: Space, Time, and the Limits of Human Understanding, ed. by S. Wuppuluri and G. Ghirardi. Springer, Dordrecht, pp. 371-380.
  • N. Sieroka (2016): "… heisst sterben lernen". In: Schönheit, Blog-Serie des Tagesanzeiger, 29.07.2016. Artikel online
  • N. Sieroka (2016): Phänomenale Zeit, Leid und Leidvermeidung – Eine Bestandsaufnahme. Zeitschrift für philosophische Forschung 70 (1), pp. 47-73.
  • N. Sieroka (2016): Die Endlichkeit des eigenen Lebens. In: Mensch, Blog des Swiss Portal for Philosophy, 25.01.2016.
  • N. Sieroka (2015): Was Zeit (nicht) ist und wie wir sie erleben. In: Philosophie im Alltag, Blog des Swiss Portal for Philosophy, 21.06.2015.
  • N. Sieroka (2014): Haben wir wirklich Zeitnot? Und warum mögen wir keine defekten Uhren? bso Journal 4/2014, pp. 6-10.
  • N. Sieroka (2014): Was ist Zeit? Interview/Gesprächsrunde in der Fernsehsendung "scobel", 3sat, 25.09.2014. (YouTube)
  • N. Sieroka (2014): Hört, Hört! (Interview). Tresor 01/2014, pp. 5-7.
  • N. Sieroka (2013): Zeitgefühl – Zeit wahrnehmen. Interview für die Radiosendung "Input", Schweizer Radio SRF 3, 08.12.2013.

Teilprojekt b: Quantenuhren – Ein operationalistischer Zugang zur Zeit in der Quantenmechanik (in Vorbereitung)

Zeit spiel eine fundamentale Rolle in unserem Verständnis der Welt um uns herum und wir erfahren durchgängig Dinge, die sich entwickeln, andauern und zugrunde gehen. In der Quantenmechanik wird Zeit allerdings üblicherweise nicht als Beobachtungsgröße behandelt, sondern tritt lediglich als ein Parameter in den Bewegungsgleichungen physikalischer Systems auf. Dies ist ein sehr unbefriedigendes Spannungsverhältnis, das unserem Verständnis nach einen operationalistischen Ansatz innerhalb der Physik erforderlich macht. Damit ist ein Ansatz gemeint, der auf die Bedingungen abzielt, unter denen es zu einer konkreten Wechselwirkung zwischen Beobachter und Quantensystem kommen kann; und der sich damit beispielsweise von Ansätzen unterscheidet, die von innertheoretischen Überlegungen über den mathematischen Formalismus der Quantenmechanik ausgehen.

In diesem Projekt geht es genauer gesagt darum, die Bedingungen zu untersuchen, unter denen Quantensysteme so etwas wie eine objektive und für einen Beobachter prinzipiell zugängliche Zeitskala generieren können – also um die allgemeinen Voraussetzungen dafür, dass etwas als Quantenuhr fungieren kann. Weiterhin soll die Qualität solcher Uhren untersucht werden im Hinblick darauf, eine früher-später-Relation zu etablieren und synchronisiert zu bleiben.

Dieses Projekt hat eine breite Relevanz, insbesondere für gegenwärtige Diskussionen über die Entstehung (Emergenz) eines statistischen Zeitpfeils und über Retrokausalität als einer Möglichkeit, das sogenannte Messproblem der Quantenmechanik zu überwinden.

Das Projekt ist eine Zusammenarbeit mit der Professur für Quanteninformationstheorie der ETH Zürich (Prof. Dr. Renato Renner).

Teilproject c: (Un-)bewusste Wahrnehmung und Zeit – Leibniz, Husserl und die Neurophysiologie (abgeschlossen)

In diesem Projekt werden die systematischen Zusammenhänge von Wahrnehmung, Bewusstsein und Zeit untersucht. Dabei wird auf Arbeiten von Leibniz und Husserl zurückgegriffen; allerdings nicht aus philologisch-exegetischen Gründen, sondern um (mit Wittgenstein formuliert) eine "übersichtliche Darstellung" zu gewinnen. Denn ihre Arbeiten haben spätere Diskussionen stark beeinflusst und dienen in vielen Aspekten weiterhin als sinnvolle Orientierung. – Methodisch entspricht dieser Ansatz denjenigen, wie sie von Sellars, Mackie und Strawson im Anschluss an Kant und Locke vertreten wurden.

Ausgehend von Leibniz' Begriff unbewusster Wahrnehmungen (perceptions insensibles) wird gegen einen Begriff von Wahrnehmung argumentiert, der auf bewusste Zustände beschränkt ist. Stattdessen wird Bewusstsein als das Ergebnis eines Anhäufungs- und Übergangsprozesses eben dieser perceptions insensibles verstanden. Leibniz skizziert die Details dieses Prozesses ansatzweise mithilfe seiner Begriffe von "unmittelbarer Erinnerung" und des "Appetits", also einer gerichteten Struktur der Wahrnehmung. Dies lässt sich so verstehen, dass bei ihm eine (Vor-)Form der Intentionalität das konstitutive Element von Bewusstsein bildet. Dieser Ansatz lässt sich über Husserls Analyse des inneren Zeitbewusstseins und dessen Begriffe von Retention und Protention genauer explizieren. Im Gegenzug werden somit wichtige Impulse gewonnen für phänomenologische Untersuchungen am Übergang zum Unbewussten.

Die Diskussionen innerhalb dieses Projekts werden immer auch zurückgebunden an die gegenwärtige Psychophysik und Neurophysiologie. Mit seiner Annahme einer Harmonie – eines Parallelismus oder eines Verhältnisses des "Ausdrucks" (expression) zwischen körperlichen und geistigen Zuständen – gibt Leibniz einen interpretatorischen Rahmen vor für mögliche Korrelationen zwischen physiologischen Zuständen und Wahrnehmungszuständen. So können bestimmte Hirnantworten als strukturelle Entsprechungen der perceptions insensibles aufgefasst werden, was u.a. eine Interpretation der Libet-Experimente erlaubt, die somit ohne direkte Bezugnahme auf den Begriff des freien Willens auskommt.

Anschliessend wird der Parallelismus zwischen Physiologie und Wahrnehmung Zeit weiter expliziert – und zwar über den Begriff der Zeit und Leibniz' Begriff des Ausdrucks. Denn während die konstitutiven Elemente der Wahrnehmung eine modalzeitliche Ordnung begründen, sind physiologische Zustände lagezeitlich geordnet. Wahrnehmungen, nicht aber Hirnzustände, zeichnen sich durch einen genuinen Bezug auf Vergangenes und Zukünftiges auf. Allerdings gibt es ein Ausdrucksverhältnis (im Sinne einer partiellen Strukturerhaltung) zwischen eben diesen modal- und lagezeitlichen Verhältnissen.

Publikationen zum Thema:

  • N. Sieroka (2016): Retrospective Analogies: Means for Understanding Leibniz's Metaphysics. In: "Für unser Glück oder das Glück der Anderen" (Vorträge des X. Internationalen Leibniz-Kongresses), ed. by W. Li. Olms, Hildesheim, Band IV, pp. 285-299.
  • N. Sieroka (2015): Leibniz, Husserl, and the Brain. Palgrave Macmillan, Basingstoke.
    Rezensionen in: Journal of Consciousness Studies (24(3-4), 2017), Neuroforum (23(2), 2017), Phenomenological Reviews (2015)
  • M. Andermann, R. Patterson, M. Geldhauser, N. Sieroka, A. Rupp (2014): Duifhuis Pitch: Neuromagnetic Representation and Auditory Modeling. Journal of Neurophysiology 120 (10), pp. 2616-2627.
  • N. Sieroka (2011): Neurophenomenology of Hearing: Relations to Intentionality and Time Consciousness. XXII. Deutscher Kongress für Philosophie (available online: http://epub.ub.uni-muenchen.de/12510/).
  • N. Sieroka (2011): Leibniz' Theorie der Wahrnehmung und ihre aktuelle Relevanz für die Philosophie des Geistes. In: Natur und Subjekt (IX. Internationaler Leibniz-Kongress), ed. by H. Breger, J. Herbst und S. Erdner. Hannover, pp. 1090-1099.
  • N. Sieroka (2009): Ist ein Zeithof schon genug? – Neurophänomenologische Überlegungen zum Zeitbewusstsein und zur Rolle des Auditiven. Philosophia Naturalis 46 (2), pp. 213-249.
  • A. Rupp, N. Sieroka, A. Gutschalk, T. Dau (2008): Representation of Auditory Filter Phase Characteristics in the Cortex of Human Listeners. Journal of Neurophysiology 99 (3), pp. 1152-1162.
  • N. Sieroka, H.G. Dosch (2008): Leibniz's "Perceptions Insensibles" and Modern Neurophysiology. Studia Leibnitiana 40 (1), pp. 14-28.
  • N. Sieroka, H.G. Dosch, A. Rupp (2006): Semirealistic Models of the Cochlea. Journal of the Acoustical Society of America (JASA) 120 (1), pp. 297-304.
  • N. Sieroka (2005): Quasi-Hearing in Husserl, Levinson, and Gordon. Journal of the British Society for Phenomenology 36 (1), pp. 4-22.
  • N. Sieroka (2004): Neurophysiological Aspects of Time Perception. Dissertation, Universität Heidelberg.